Sonntag, 23. März 2014

Mehr als das - Patrick Ness





Gebundene Ausgabe: 512 Seiten
Verlag: cbt (24. März 2014)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3570162737
ISBN-13: 978-3570162736
Empfohlenes Alter: Ab 14 Jahren
Preis: 17,99 €

Kurzbeschreibung (Verlag):
In welcher Wirklichkeit leben wir?
Ein Junge ertrinkt, verzweifelt und verlassen in seinen letzten Minuten. Er stirbt. Dann erwacht er, nackt, verletzt und durstig, aber lebendig. Wie kann das sein? Und an was für einem seltsamen, verlassenen Ort befindet er sich? Während er versucht zu verstehen, was mit ihm geschehen ist, regt sich Hoffnung bei dem Jungen. Ist das vielleicht doch noch nicht das Ende? Bietet dieses Leben vielleicht doch mehr als das?

Meine Meinung:
Das Buch beginnt recht gruselig. Den Todeskampf eines kaum 17-jährigen Jungen im eisig kalten Ozean mitzuerleben ist keine angenehme Sache. Patrick Ness hat diesen Kampf unheimlich gut, spannend und mitreißend geschildert. Sodass man schon auf den ersten Seiten weiß, diese Geschichte wird klasse.

Nachdem der Junge, namens Seth Wearing, gestorben ist, muss nicht nur er umdenken, sondern auch wir Leser. Eigentlich ist es unmöglich, dieses Szenario im Meer zu überleben, aber dennoch wird er wieder wach. Nackt, mit seltsamen Bandagen umwickelt, auf einer staubigen, heruntergekommenen Straße im Nirgendwo. Himmel oder Hölle? Oder gibt es vielleicht noch eine andere Möglichkeit?

---Ist das ein Traum?, denkt er. Die Worte kommen langsam, schwerfällig, wie aus großer Entfernung. Der letzte Traum vor dem Tod?--- (Zitat S. 21)

Nach einer Weile der Orientierungslosigkeit bemerkt er, dass es hier genau so aussieht wie in England, wo er als Kind gelebt hat. Wo er solange gelebt hat, bis seine Eltern nach einem schlimmen Schicksalsschlag Hals über Kopf das Land verlassen haben.
Aber wie ist das möglich? Keine Menschen, marode Häuser, keine Tiere, keine Laute. Nichts. Einsamkeit und Stille, überwuchert von ungezügeltem Unkraut.

---Die Einsamkeit. In seiner wachsenden Erschöpfung überschwemmt ihn die entsetzliche Einsamkeit dieses Ortes wie die Wellen, in denen er ertrunken ist.---(Zitat S. 161)

In seinen Ruhepausen driftet er stets in wilde Träume aus Erinnerungen seines „Lebens“ ab. Aber auch dort fühlt er sich größtenteils der Hölle näher, als dem Himmel. 
Seine Eltern, die ihn spüren lassen, dass er Schuld am Zustand seines jüngeren Bruders hat, die Freunde und Schulkameraden, die ihn ab dem Zeitpunkt meiden, als sie erfahren, dass er mit einem Jungen zusammen ist. Sein Freund, der plötzlich die Schule wechseln muss. Einsamkeit.

Im späteren Verlauf trifft er auf zwei weiter Jugendliche, einen Jungen und ein Mädchen, die sich anscheinend mit der gegebenen Situation abgefunden haben und einfach nur „überleben“ wollen.

---“Die Welt“, sagt sie, „ist zu Ende.“--- (Zitat S. 229)

Aber irgendwo muss doch mehr als das sein und Seth macht sich auf die Suche.

---Aber er bleibt noch einen Moment stehen, während die Welt ihren stillen Atem anhält und das Nichts des Eingangs ihn anstarrt.---(Zitat S. 280-281)

Mir hat das Buch wirklich sehr gut gefallen, auch wenn manche Dinge etwas in die Länge gezogen wirkten. Im Nachhinein betrachtet, brauchte man jede Überlegung, jede Gefühlsregung und jedes einzelne Wort, um sich tiefer in diese seltsame Welt fallen lassen zu können, und um eigenen Überlegungen genügend Raum zu gewähren.

---Nein, das Leben verlief in der Tat nicht immer so, wie man es sich vorstellte. Manchmal ergab es überhaupt keinen Sinn. Man muss nur herausfinden, wie man trotzdem darin leben kann, denkt Seth.---(Zitat S. 502)

Eine Geschichte, für die man sich wirklich etwas Zeit nehmen sollte. Auch, wenn Patrick Ness, wie er in einem Interview mitteilte, der Geschichte nicht zwingend eine lehrende Botschaft aufdrücken wollte, so enthält dieses Buch doch eine ganze Reihe davon. Unter anderem auch eine äußerst wichtige. Wir lassen uns anhand der Reaktionen anderer viel zu leicht fremd bestimmen - besser gesagt wir glauben, dass es so ist. Beziehen gleich alles (oft negativ) auf uns, aber meistens beruht diese Annahme auf Fehlinterpretationen. Das Leben an sich ist nunmal kein Ponyhof, für niemanden, und jeder geht anders damit um und reagiert oder verhält sich dementsprechend. 
Dazu noch mal der Hinweis auf das letzte Zitat, welches ich sehr passend finde.

Fazit:
Eine grandios tiefgründige Geschichte, die zum Nach- und Weiterdenken anregt. 
Patrick Ness schreibt unglaublich schön, emotionsgeladen und fantasievoll.
Leser, die aufgeräumte Enden lieben, könnten Gefahr laufen mit dem Schluss nicht zufrieden zu sein. (Laut Verlag wird es ein Einzeltitel bleiben)
Dennoch eine absolute Leseempfehlung von mir.


Bewertung

Kommentare:

  1. Ich habe es auch gerade erst beendet und war wieder einmal überwältigt von Ness' Erzähltalent. Allein wie er einen fesseln konnte, während Seth ganz allein durch die Straßen streift, das muss man erstmal können :-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das stimmt. Ich fand das auch sehr beeindruckend.

      Löschen